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Lernresistenz in der Führungsetage

Aktuell geht es meinem Arbeitgeber finanziell nicht gerade gut. Ein Problem, was viele Einzelhändler haben, die sich zu sehr auf den stationären Handel beschränkt haben und jetzt zu spät ins Onlinegeschäft einsteigen. Durch die finanzielle Schieflage sind Entscheidungen getroffen worden, die sich immer mehr rächen.



Es wurde Personal eingespart, das restliche Personal muss immer mehr Arbeit verrichten, der Umgang mit dem Personal ist auch nicht der Beste. Bezahlung und Leistungen werden immer weiter zurückgefahren. Dadurch wandert das fähige Personal, was überall unterkommen kann, immer schneller ab. Zurück bleibt der Rest. Also die, die noch an das Unternehmen glauben und dahinterstehen und der unbrauchbare dumme Rest.



Hinzu kommt, dass jahrelang nicht passend eingekauft und verteilt wurde. Filialen, die in bestimmten Teilbereichen stark waren, sind mit der notwendigen Ware nicht versorgt worden, dafür wurde regional uninteressante Ware mit enormem Druck auf die Flächen gedrückt. Das ging dann soweit, dass es verboten wurde, dass Einkauf und Filialen über Warenbelange direkt sprechen durften. Das Ergebnis war dann, dass die Filialen in Ware ersticken, die dort nur rumsteht und irgendwann verramscht wird, weil die keiner haben will. Dafür meiden uns die meisten Kunden mittlerweile, da wir deren Wünsche eh nicht bedienen können.



Da es früher gut ging, wurde viel mit Vertrauen gearbeitet. Es gab keine interne Revision, keine großartigen Kontrollen und die, die dann doch mal kontrolliert haben, haben selbst keine Ahnung. Eine interne Revision gibt es mittlerweile, aber diese Ein-Mann-Abteilung wird lieber mit irgendwelchem Scheiß, den keiner machen will, zu gebombt, so dass die eigentliche Revisionsarbeit nur als leichte Nadelstiche in den Filialen ankommen.


Es kam wie es kommen musste: Zu wenig und unzufriedenes Personal, zu viel Ware, über die man zum Teil nicht wirklich Bescheid weiß und keine Kontrolle. In den letzten Jahren hatten wir immer häufiger mit extremen Inventurdifferenzen zu tun. Ich rede hier von Geld und Waren im fünf bis sechsstelligen Bereich, die zwischen zwei Inventuren, also etwa ein Kalenderjahr, verschwunden sind.



Diese wird aber erst entdeckt, wenn die Inventur gelaufen ist und dann beginnt die Suche:

Es gibt nur den Betrag und dann muss geklärt werden, wo dieser Ausreißer herkommt. Fehler bei der Inventur? Fehlerhafte Bestände? Diebstahl bzw. Betrug und wenn ja, wie?



Fast alle dieser Extreminventuren konnten bisher mit Mitarbeiterdiebstahl bzw. Betrug durch Mitarbeiter erklärt werden. Mitarbeiter, die Ware retournieren bzw. Verkäufe stornieren, die es gar nicht gibt, dafür aber das Geld in die eigene Tasche stecken oder Mitarbeiter, die massenhaft Ware verschrotten, um diese dann mitzunehmen oder Mitarbeiter, die mit Dritten zusammenarbeiten und Ware ohne Bezahlung herausgeben.



Wir haben schon vor einigen Jahren empfohlen, eine Videoüberwachung bei neu- und umgebauten Filialen zu verbauen. In der Regel kostet diese 3000€ und man kann im Nachhinein, wenn der Verdacht besteht, sehr schnell nachvollziehen, was passiert ist. Eine sichtbare Videoüberwachung hemmt natürlich auch etwas. Wir durften es in zwei Filialen testen, die diese auch regelmäßig nutzen, wobei die zweite Filiale schon auf der Kippe stand.



Jetzt hatten wir die Tage wieder den Fall, dass in einer Filiale ein hoher fünfstelliger Betrag an Ware fehlt. Der Vertrieb kam auf uns zu und wollte wissen, ob man eine Videoüberwachung verbauen kann, was es kostet und was man machen muss. Wir haben entsprechend die Informationen zusammengesammelt, an den Vertrieb übergeben und dieser hat dann bei der Geschäftsführung vorgesprochen. Die Antwort war, wie fast immer, negativ. Kosten zu hoch.



Bei dem Fall zuvor ging es um geringere Summen, aber die Menge hat schon einiges ausgemacht. Es wurde bemerkt, es wurde nichts gemacht, die Verluste stiegen immer weiter, lagen mittlerweile im mittleren fünfstelligen Bereich und irgendwann wurde man ganz panisch. Irgendwann kam von ganz oben "egal was es kostet, da muss sofort eine Videoüberwachung rein". Donnerstags kam die Info, Material sofort per Express bestellt, ich habe die Sachen Freitag gegen elf Uhr bei unserem Sicherheitstechniker abgeholt, die Montage war für Montag nach Filialschluss geplant. Auto war bestellt, Werkzeug lag bereit. Am Ende ist die Sache samstags von einem verdeckten Ladendetektiv aufgedeckt worden. Eine Sache, die man schon weit vorher über eine Kassenkamera hätte sehen können. Verbauen durften wir die Kameras dann nicht mehr, auch aus rechtlichen Gründen. Eine sichtbare Kameraüberwachung wurde dennoch nicht verbaut.



Man nimmt ja lieber hohe Verluste in Kauf, als gezielt zu investieren. Alleine mit dem letzten Verlust hätte man 14 Filialen mit einer Videoüberwachung ausstatten können, mit Technik, Zusatzmaterial, Werkzeug und Personal. Mit den Verlusten aus 2018/2019 hätte man in allen Filialen eine Videoüberwachung mit besten 4K-Bildern.


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Kommentare

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John Doe am :

In deinem Bereich scheinen die Arbeitsbedingungen noch soweit in Ordnung zu sein oder glaubst du so an das Unternehmen?

Schwachstromblogger am :

Ich kann ziemlich frei arbeiten, mich mit den Sachen beschäftigen, die mich interessieren und konnte früher Sachen bestellen, wie ich lustig bin.

Zur Zeit ist die Lage etwas angespannt, Geld ausgeben ist gerade eher unerwünscht, aber das freie Arbeiten ist geblieben.

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